Aspirin – Eine Erfolgsgeschichte

Schon in der Antike wurde ein Extrakt der Weidenrinde gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Aber erst 1828 wurde die wirksame Substanz der Pflanze, das Salicin,  eine Verbindung aus Salicylalkohol und Glucose (Glucosid) gefunden. Auch das Echte Mädesüß, ein Rosengewächs, deren Blüten Salicylsäure enthalten, wurde schon seit alters her verwendet.

Ab 1874 wurde Salicylsäure als synthetisches Produkt großtechnisch hergestellt und als Medikament gegen Schmerzen, Fieber und Entzündungen eingesetzt.Doch die Substant führte immer wieder zu Magenschleimhautentzündungen und desöfteren sogar zu Magenblutungen. Auf der Suche nach besser verträglichen Alternativen fand der deutsche Arzneimittelhersteller Bayer die Acetylsalicylsäure (ASS), deren Reindarstellung in industriellem Maßstab erstmals 1897 im Stammwerk Wuppertal-Elberfeld gelang. Schon 1853 war die Synthese von ASS in Frankreich geglückt, allerdings mit Verunreinigungen durch Nebenprodukte. 

Das neue Produkt wurde Aspirin® genannt. Der Name leitet sich vom Echten Mädesüß (Spire, lat.Spiraea ulmaria bzw.Filipendula ulmaria) ab (s.o.): Das „A“ steht für die Acetylgruppe), „spirin“ (für den Wirkstoff der Spire). Aspirin® wurde im März 1899 zum Patent angemeldet und kam noch in demselben Jahr als Pulver auf den Markt.Seit seiner Markteinführung erlebte das Produkt Aspirin® eine (fast) beispiellose Erfolgsgeschichte.

Als „Entdecker“ des Arzneistoffes Acetylsalicylsäure kann wohl Arthur Eichengrün gelten, der nach der nach der Markteinführung von Aspirin® von Bayer zum Leiter der Pharmazeutische Abteilung gemacht wurde. Die Firma selbst behauptet aber bis heute, es sei Felix Hoffmann gewesen, der zur selben Zeit aber lediglich die Zuständigkeit das Marketing bekam. Die Verdienste von Arthur Eichengrün wurden womöglich aus der Firmengeschichte gestrichen, weil er Jude war. Bayer war 1925 am Zusammenschluß mehrerer großer Chemieunternehmen (Agfa, BASF, Bayer, Cassella, Hoechst u.a.m.) zur I.G. Farbenindustrie AG („I.G. Farben“) beteiligt, die später tief in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt waren (u.a Herstellung des Blausäurepräparates Zyklon B für die Gaskammern). Nach dem Ende des 2.Weltkrieges wurde die I.G.Farben von den siegreichen Allierten aufgelöst.

 

Die Acetylsalicylsäure (ASS) gehört in die Gruppe der Nichtsteroidalen Analgetika und Antirheumatika (NSAR). Diese hemmen den zweiten und letzten Schritt der Prostaglandinsynthese.

Im ersten Schritt wird Arachidonsäure, eine Fettsäure, durch das Enzym Phospholipase aus den Phospholipiden der zellulären Biomembranen herausgespalten.  Im zweiten Schritt, wo die NSAR eingreifen, werden mit Hilfe des Enzyms Cyclooxygenase (COX), das in mindestens zwei Versionen vorkommt (COX 1 und COX 2) aus der Arachidonsäure eine grösserer Anzahl verschiedener Prostaglandine hergestellt. Die NSAR hemmen die Prostaglandinsynthese, indem sie eine Tasche des Enzyms Cyclooxygenase (COX) blockieren, wo normalerweise die weiterzuverarbeitende Arachidonsäure gut hineinpasst.

Prostaglandine sind Gewebshormone mit einem breiten Wirkungsspektrum: Einige Prostaglandine steigern die Empfindlichkeit von schmerzempfindlichen Neuronen, fördern entzündliche Prozesse, indem sie z.B. weiße Blutkörperchen (Leukocyten)anlocken und erhöhen den Sollwert der Körpertemperatur (Fieber). Eine Hemmung der Prostaglandinsäuresynthese lindert daher Schmerzen (analgetische Wirkung),  senkt das Fieber (antipyretische Wirkung) und dämmt Entzündungen ein (antiphlogistische Wirkung). Andere Prostadlandine erweitern die Blutgefäße und verbessern so z.B. die Nierendurchblutung oder schützen die Magenschleimhäute, da  sie die Produktion von Magensäure hemmen und von schützenden Schleimstoffen steigern. Wieder andere Prostaglandine fördern oder hemmen als Gegenspieler die Zusammenballung der Blutplättchen (Thrombocyten) und damit die Blutgerinnung. Das Acetylsalicylsäure trotzdem insgesamt gesehen die Blutgerinnung hemmt, mag daher zunächst überraschen. Doch bei näherer Betrachtung des Wirkmechanismus wird sehr schnell klar, warum: Durch die Hemmung der Cyclooxygenase COX1 fehlt den Thrombocyten Thromboxan A. Dieses Prostaglandin ist bei der Blutgerinnung an der Verformung der einzelnen Thrombocyten (vermittelt durch das aus Proteinen bestehenden Cytoskletts) beteiligt, welche die außen auf der Zellmembran sitzenden Fibrinogenrezeptoren (ein Glykoprotein) funktionstüchtig macht. Die im Blut herumschwimmenden Fibrinogenproteine binden an ihre Rezeptoren, bilden ein Netzwerk und verkleben so die beteiligten Thrombocyten zu einem Blutgerinnsel (Thrombus). Da Acetylsalicylsäure die Cyclooxygenase unwiderruflich (irreversibel) blockiert, die Thrombocyten zu einer Neusynthese nicht befähigt sind und es so eine ganze Weile dauert bis wieder genug neue Thrombocyten mit einem intakten Enzym nachgewachsen sind, hält die blutgerinnungshemmende Wirkung recht lange an. Durch die Hemmung der Cyclooxygenase COX1 fehlt aber auch das von den die Blutgefäße auskleidenden Endothelzellen normalerweise hergestellte Prostacylin, das als Gegenspieler (Antagonist) des Thomboxan der Blutgerinnung entgegenwirkt. Hier wirkt die Acetylsalicylsäure also blutgerinnungsfördernd. Doch im Gegensatz
zu den Thrombocyten können die Endothelzellen COX1 nachproduzieren, so daß der Effekt kurzzeitig bleibt. Insgesamt gesehen überwiegt dann der blutgerinnungshemmnede Effekt der Acetylsalicylsäure! Sie eignet sich daher gut zur Prophylaxe von Schlaganfällen und Herzinfarkten.

Jens Christian Heuer

Quellen: http://www.gelsenzentrum.de/ , Wikipedia
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