Freud und die Psychoanalyse

Die Psychoanalyse wurde durch den Wiener Nervenarzt Sigmund Freud (6. Mai 1856 – 23. September 1939) zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt. Sie revolutionierte die Psychologie.

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als ältester Sohn des jüdischen Textilkaufmanns Jacob Freud und dessen Ehefrau Amalia (geb. Nathanson) in Freiberg (heute: Tschechien)geboren,das damals zu Östereich-Ungarn (Donaumonarchie) gehörte). 1860 zog die Familie nach Wien um, wo Freud zunächst an der Universität Medizin studierte (1873-1881), um dann als Neurologe am Wiener Physiologischen Institut zu forschen. Nach seiner Promotion in Medizin, arbeitete er von 1882-1885 am Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Nach seiner Habilitation in Neuropathologie war er ab 1885 Dozent an der Wiener Universität und beschäftigte sich mit hirnanatomischen Forschungen. Bei einem Gastaufenthalt an der Pariser Nervenklinik Salpêtrière erlebte Frauen mit seelischen Erkrankungen ohne erkennbare organische Veränderungen, die der Leiter der Klinik,Jean-Martin Charcot (1825-1893) mit Hypnose behandelte und damit die Symptome vorübergehend zum Verschwinden brachte. Freud war sehr beeindruckt und entwickelte in den folgenden Jahren als praktizierender Nervenarzt eigene Theorien über die Ursachen psychischer Erkrankungen. Danach sind verdrängte traumatische Erfahrungen die eigentliche Ursache seelischer Erkrankungen. Mit der Technik der freien Assoziation (s.u.) lassen sich die verdrängten Inhalte wieder ins Bewusstsein zurückrrufen und so viele seelische Erkrankungen heilen (Psychoanalyse). Von 1895-1905 arbeitete Freud die Psychoanalyse zu einer geschlossenen Theorie aus (1897: Ödipus-Komplex,1900: Traumdeutung, 1901: Fehlleistungen, 1905: Sexualtheorie). 1902 wird Freud Professor für Neuropathologie an der Wiener Universität. Freud hatte die Hoffnung, die Psychoanalyse auch neurobiologisch begründen zu können, doch der seinerzeitige Stand der Technik liess das einfach noch nicht zu, denn es fehlten die Instrumente für eine genauere Untersuchung der physiologischen Vorgänge in Gehirn und Nervensystem.

In den Folgejahren gründete Freud eine Internationale Psychoanalytische Vereinigung, um seine Theorien zu verbreiten und weiterzuentwickeln. Immer wieder kam es zu inhaltlichen Auseinandersetzungen und Abspaltungen, wobei es zumeist um die Rolle der kindlichen Sexualität und den Ödipuskomplex ging. In den Jahren 1923-1930 entwickelte Freud seine Theorie des psychischen Apparates mit den 3 Instanzen ICH, ES und ÜBERICH (s.u.). Nach dem Anschluss Österrichs an das Deutsche Reich (1938) musste Freud vor der Judenverfolgung der Nationalsozialisten fliehen und zog mit seiner Familie nach London (Grossbritannien) um, wo er am 23. September 1939 einer langjährigen Krebserkrankung erlag.

Freud definierte die Psychoanalyse einmal so: 

Psychoanalyse ist der Name eines Verfahrens zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind; einer Behandlungsmethode neurotischer Störungen, die sich auf diese Untersuchung gründet; und eine Reihe von psychologischen, auf solchem Wege gewonnenen Einsichten, die allmählich zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin zusammenwachsen.

Kaum zugänglich sind seelische Vorgänge dann, wenn sie unbewusst stattfinden. Unbewusst werden seeliche Vorgänge durch die innerpsychische Verdrängung, zu der es immer dann kommt, wenn zwei oder mehrere Kognitionen (Gedanken, Meinungen, Wünsche, Einstellungen, (logische) Schlussfolgerungen) derart zueinander in Widerspruch stehen, dass sich daraus ein (schmerzlicher) seelischer Konflikt entwickelt. Verdrängt werden stets die schwächeren Kognitionen. Gemeinsam bilden sie dann das  Unbewusste. Ein innerpsychischer Widerstand sorgt dafür, dass die verdrängten Kognitionen nicht  mehr so ohne weiteres in das Bewusstsein dringen können.

Sigmund Freud (1856-1939) Quelle: Wikipedia

Der die Verdrängung auslösende seelische Konflikt ist damit aber nicht entgültig aufgelöst, denn das Unbewusste kann weiterhin unterschwellig auf das Bewusstsein einwirken, besonders dann, wenn aktuelle Wahrnehmingen und Gedanken irgendwie an die verdrängten Vorstellungen erinnern. 

Die Folge sind Fehlleistungen (Freudsche Versprecher, vorübergehende Erinnerungsblockaden, Verlegen und Verlieren von Gegenständen usw.), aber auch ernsthafte seelische Störungen, die Neurosen. Auch in den Träumen tauchen die verdrängten Kognitionen häufig in entstellter oder symbolisierter Form wieder auf.

Besonders in der Kindheit, in einer Situation der Schwäche gegenüber  Erwachsenen, aber auch gegenüber älteren Geschwistern ist die  Verdrängung oft der einzige Ausweg, um schwer erträgliche Konflikte zu umgehen. Verdrängt werden fast immer verbotene Wünsche und (bedrohliche) Bewusstseinsinhalte, die sich aus dem Versuch der kindlichen Selbstbehauptung und aus der frühkindlichen Sexualität ergeben.

Das bekannteste Beispiel ist der Ödipuskomplex. Mit diesem Begriff bezog sich Freud auf die tragische Geschichte der griechischen Sagengestalt Ödipus. Dieser wird von seinem Vater, König Laios von Theben, infolge einer Prophezeiung, dass sein Sohn ihn dereinst töten werde, mit Zustimmung seiner Mutter Jokaste in der Wildnis ausgesetzt. Ödipus wird jedoch gerettet und wächst bei Pflegeeltern auf, ohne jemals irgendetwas über seine Herkunft zu erfahren. Bei einer Zufallsbegegnung, die in einem heftigen Streit endet, tötet Ödipus einen unbekannten Mann, ohne zu ahnen,dass es sein Vater ist, der König von Theben. Als er nur wenig später die Stadt Theben von der drachenähnlichen Sphinx befreit, darf er zur Belohnung die immer noch sehr schöne, verwitwete Jokaste zur Ehefrau nehmen. Als neuer König von Theben versucht Ödipus den Tod seines Vorgängers aufzuklären. Dabei erfährt er schliesslich die ganze Wahrheit. Aus Verzweiflung blendet er seine Augen und flieht als gebrochener Mann ins Exil. Damit fügt er sich aus seinem Schuldgefühl heraus selbst eine schwere Strafe für den unerlaubten Inzest zu.

Zu einer ähnlichen Konstellation wie in der Ödipussage kommt es nun auch in der Kindheit. Nach dem Erwachen der frühkindlichen Sexualität, in der sogenannten ödipalen Phase entwickelt sich ein sexuelles Begehren gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil, was jedoch automatisch in einen Konflikt mit dem (übermächtigen) gleichgeschlechtlichen Elternteil führt. Die sexuellen Wunschvorstellungen und die damit einhergehenden negativen Gefühle gegenüber dem gleichgeschlechtlichen, rivalisierenden Elternteil sind mit grosser Angst besetzt und werden daher meist verdrängt. An die Stelle des Aufbegehrens tritt die Unterwerfung und schliesslich die Identifikation. Der gleichgeschlechtliche Elternteil wird zum Vorbild für die eigene Entwicklung. Dieses Verhalten wird später auf andere mächtige (auch fiktive) Figuren (politische, militärische oder religiöse Führer, Gottheiten) und Institutionen (Staat, Militär, Kirche) übertragen. Vor allem bei Männern ist der Ödipuskomplex sehr stark ausgeprägt.

Die Psychoanalyse versucht nun bei neurotischen Störungen, die verdrängten Inhalte wieder ins Bewusstsein zurückzurufen, um so den Betroffenen wieder einen ungestörten Lebensgenuss zu ermöglichen!  

Dazu bedient sich die Psychoanalyse der Methode der freien Assoziation. Ausgehend von Fehlleistungen und Träumen wird die zu analysierende Person (Analysand) aufgefordert, alle damit für ihn in Zusammenhang stehenden, spontanen Einfälle (Assoziationen) dem Analytiker unzensiert mitzuteilen, also unabhängig davon, ob ihr diese Einfälle unsinnig, unpassend oder gar anstössig erscheinen. Mit dieser psychoanalytischen Grundregel soll der innerpsychische Widerstand gegen die Bewusstwerdung verdrängter Vorstellungen überlistet werden, denn die freien Assoziationen bilden  mit wachsender Anzahl eine immer deutlicher erkennbare, netzwerkartige Struktur sinnvoller Zusammenhänge, denn die spontanen Einfälle  sind nicht zufällig, sondern gehorchen dem Prinzip von Ursache und Wirkung (Kausalitätsprinzip).

Ein wertvolles Arbeitsinstrument zur Förderung der freien Assoziationen bei der Psychoanalyse…  (Sigmund Freud Museum, London) Quelle: AP
 
Im Verlauf der Psychoanalyse kommt es oft zu einer sogenannten Übertragung, bei der verdrängte Gefühle gegenüber Bezugspersonen aus der Kindheit (Erwachsene, Geschwister) unbewusst auf den Analytiker umgelenkt werden.
 
Analytiker und Analysand deuten gemeinsam, unter Zuhilfenahme der freien Assoziationen und der Übertragung den inneren Sinnzusammenhang, wodurch die verdrängten Inhalte wieder bewusst gemacht werden.

Freud entwickelte aus seinen psychoanalytischen Erfahrungen ein dynamisches Drei-Instanzen-Modell  der menschlichen Persönlichkeit:

Persönlichkeitsmodell nach Freud: Das bewusste ICH bringt Wünsche mit den zunächst durch das vorbewusste Wahrnehmungsbewusstsein (W-Bw) wahrgenommenen, danach aber bewusst werdende Realitäten soweit irgend möglich in Übereinstimmung. Das ÜBERICH entspringt dem verinnerlichten ( angsteinflössend geäusserten) Gegenwillen der übermächtigen Erwachsenen (oder älteren Geschwister), welcher den Wünschen und Vorstellungen des Kindes oft entgegensteht und so deren Verdrängung ins unbewusste ES erzwingt. Das ÜBERICH darf  aber nicht mit dem Gewissen verwechselt werden, da letzteres ein wichtiger Bestandteil des bewussten ICH ist und wahrscheinlich auf der Fähigkeit beruht, sich in Andere hineinzuversetzen und mitzufühlen (Spiegelneuronen). Quelle: Sigmund Freud Studienausgabe, Fischer-Tachenbuch-Verlag , Frankfurt (2000)

Im  Zusammenhang mit seinem Persönlichkeitsmodell formulierte Freud das Ziel einer Psychoanalyse einmal so: Wo ES war, soll ICH werden!

Das kann aber nur durch Aufhebung (im Sinne von Überwindung bei gleichzeitiger Bewahrung und Fortentwicklung der wertvollen Anteile!) des ÜBERICH gelingen, so dass ICH und ES ununterscheidbar werden.

Quellen: Sigmund Freud: Darstellungen der Psychoanalyse, Fischer-Taschenbuch und Wikipedia

Jens Christian Heuer

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